Humane Ausbildung

Es gibt ein umfangreiches und wachsendes Angebot humaner, sprich tierverbrauchsfreier Lehrmethoden für die Bereiche Anatomie, Physiologie, Biochemie und Zellbiologie, klinische Fertigkeiten und Chirurgie sowie Pharmakologie. Diese reichen von Videos als visuell hochwertige Darstellungen von z. B. Sektionen, über lebensechte Modelle und computerisierte Phantome für anatomisch/morphologische sowie chirurgische Übungen bis hin zur interaktiven Simulations-Software. Mit Letzteren lassen sich verschiedenste virtuelle Sektionen oder Untersuchungen zur Physiologie, wie z. B. zur Auswirkungen von pharmakologischen Stoffen auf die simulierte Funktion eines Froschherzes, vornehmen. Es gibt sogar virtuelle Realitätssimulationen für klinische Techniken mit 3D- und Tastmöglichkeiten.

Außerdem sind echte Übungen in Selbstversuchen und an gespendeten toten Tiere aus der Veterinärmedizin (siehe Tierkörper-Spendenprogramm) oder auch an Überresten aus Schlachthöfen und Fischereien möglich.

Weitere, weniger auffällige Experimente, die Tiere nutzen sind Zellkulturen oder biochemische Experimente. Hier gibt es oft Alternativen wie die Verwendung pflanzlicher oder synthetischer Enzyme und Substanzen.

Vorteile der alternativen Lehrmethoden

Die humanen Lehrmethoden sollen nicht unbedingt ein Duplikat von Übungen mit eigens getöteten Tieren sein. Vielmehr orientieren sie sich als eigenständige Lehr- und Lernmethode in erster Linie am entsprechenden Lernziel. Und darin sind sie den tierverbrauchenden Übungen oftmals überlegen. Viele physiologische Zusammenhänge wie Aufbau und Funktion von Organen oder z. B. die Effekte autonomer Nerven auf das Herz-Kreislaufsystem, lassen sich durch innovative Konzepte ohne Tiereinsatz viel besser vermitteln.

Die didaktische Gleichwertigkeit bzw. Überlegenheit konnte bereits mehrfach nachgewiesen werden, ebenso die finanziellen Vorzüge (siehe Publikationen). Über den Einsatz von Tieren und Alternativmethoden gibt es inzwischen zahlreiche vergleichende wissenschaftliche Untersuchungen. Lehrmittelevaluationen zu handwerklichem Geschick, Lerneffekten und Akzeptanz der Studierenden ergaben dabei mindestens gleichwertige Ergebnisse.

Große Vorteile der tierverbrauchsfreien Methoden sind die höhere Verfügbarkeit an Informationen und die unbegrenzte Wiederholbarkeit, wodurch sich die Einprägsamkeit gegenüber Versuchen an Tieren erhöht. Oft lassen auch Tierpräparationen die Strukturen nicht deutlich erkennen. So ist es weit verbreitet, dass Studierende die geforderten Zeichnungen anhand von Lehrbüchern anfertigen. Außerdem ist bei Studierenden, die gegen ihr Gewissen an der Übung mit eigens getöteten Tieren teilnehmen, der Lernerfolg geringer.

Durch z. B. interaktive Computer-gestützte Lernprogramme wird hingegen ein höherer Lerneffekt erzielt aufgrund der breiteren und mehr in die Tiefe gehenden Lernerfahrung. So kann die Morphologie verschiedener Spezies mit nur einem Mausklick verglichen, oder die Histologie und andere Wissensgebiete in den praktischen Unterricht einbezogen werden. Bilder können vergrößert, Blutkreislauf oder Nervensystem wegretuschiert oder dreidimensional hervorgehoben werden, Muskeln können aktiviert und sogar die Durchsichtigkeit von Organen kontrolliert werden, um den Aufbau und strukturelle Beziehung besser zu verstehen. Die intensivere Wahrnehmung und der Grad an Kontrolle der neuen Software unterstützen effektives und qualitativ hochwertiges Lernen.

Experimente können in virtuellen, real-erscheinenden, voll ausgestatteten Laboren durchgeführt werden und ermöglichen ein freies Austesten durch Parametervielfalt. Mathematische Algorithmen garantieren z. B. bei den Lernprogrammen von „Virtual Physiology“ die entsprechende Reaktionen der virtuellen Organe bzw. Gewebe und berücksichtigen die biologische Diversität von Präparationen.

Auch durch die direkte Involvierung von Studierenden in Selbstversuchen, bei denen ohne Schaden zu nehmen z. B. Reizweiterleitungen am Nerv untersucht werden, sind nachhaltigere Lerneffekte zu erwarten.

Die alternativen Lehrmethoden bieten:

  • Bessere Einprägsamkeit durch höhere Informationsverfügbarkeit, unbegrenzte
    Wiederholbarkeit (weiterführendes Wissen, hervorgehobene Darstellungen, um z. B.
    strukturelle Beziehungen besser zu verstehen)
  • real erscheinende, voll ausgestattete Labore zum freien Experimentieren
    (Parametervielfalt, mathematische Algorithmen garantieren entsprechende Reaktionen der virtuellen Organe/Gewebe) und berücksichtigen die biologische Diversität von Präparationen
  • Kein verminderter Lernerfolg durch Gewissenskonflikt bzw. Abneigung gegen Tierverbrauch

Ein Studium ohne Tiereinsatz ist möglich

Der Anteil an jungen Menschen, die Tierversuche ablehnen, ist gestiegen, wie z.B. Umfragen in den USA zeigen[1]. Dort hat die Human Anatomy and Physiology Society (HAPS) ihr Leitbild im Hinblick auf die Nutzung von Tieren in Anatomie- und Physiologiekursen überarbeitet und befürwortet nun tierfreie Lehrmethoden als Ersatz zu Tierlaboratorien[2].

In Deutschland haben die Bundesländer Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Thüringen einen Paragraphen im Hochschulgesetz eingeführt, der die Verwendung von lebenden oder eigens hierfür getöteten Tieren verringern oder ersetzen soll. Die Studierenden haben zudem die Möglichkeit Tierversuche abzulehnen, wenn dies für sie aus Gewissensgründen nicht zu vereinbaren ist und gleichwertige Methoden bestehen.

Einige Unis (siehe Ethik-Hochschulranking) machen es in den Bereichen Biologie, Humanmedizin und Pharmazie bereits vor, dass mit den vielfältigen Ersatzmethoden ein erfolgreicher Abschluss ohne Tierverbrauch möglich ist. Schon durch einen bloßen Informationstransfer der Dozenten ließe sich die Zahl der tierverbrauchenden Übungen noch deutlicher reduzieren. Einen Einblick zu den vielfältigen tierverbrauchsfreien Lehrmethoden befindet sich unter „Alternativmethoden“, während die Alternativen-Datenbank von InterNiche eine ausführliche Sammlung enthält, wobei einige der Materialien auch kostenlos in deren Leihmaterial-Bibliothek ausgeliehen werden können.

[1] Goodman, J.R, & Borch, C.A. (2014, February). Trends in Americans’ attitudes toward animal testing: 2001-2013. Poster presented at the annual meeting of the American Association for the Advancement of Science, Chicago, Ill.

[2] Human Anatomy and Physiology Society. (2012). Position statement on animal use. Retrieved June 5, 2013, from http://www.hapsweb.org/displaycommon.cfm?an=1&subarticlenbr=21.